Gutenberg 3.6 - E-Book-Piracy Report von Bonik & Schaale erschienen

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Kommentar von Esther:
Was genau haben Schade und Bonik jetzt eigentlich herausgefunden?

Letztes Mal war der Suchbegriff „download“ noch eine Anfrage nach Piratenseiten. Inzwischen wissen die Leute, dass es amazon und ebook.de gibt? Und sie kennen auch noch Library Genesis und lul.to? Welch eine Erkenntnis, die Seitentests findet man manchmal in Computerzeitungen.

Kindle Unlimited wird - wenn die angebotenen Bücher überhaupt etwas taugen - andere private Verleiher in Bedrängnis. Aber immerhin gibt es hier leidlich brauchbare öffentliche Onleihe, die sich so leicht nicht ausschalten lässt. Das Gejammer über die Umsonst-Mentalität passt bei Ebooks nicht. Bibliotheken aller Art braucht man nicht seit gestern. Ich hoffe immer noch, dass die Verlage sich den öffentlichen Bibliotheken verstärkt zuwenden, wenn Amazon mit seinem eigenen Angebot Druck macht. Im Moment sind die Onleihen zu knapp bestückt und sie haben monatelange Wartezeiten.

Libgen hat kaum Neuerscheinungen und ein klassisches Biblithekssortiment. Darunter sind unzählige Fachbücher, die fast nur von Bibliotheken gekauft werden. Das Gejammer dürfte sich eher durch Wissenschaftsverlage als Geldgeber der Studien erklären. Beeinträchtigt werden allenfalls Bibliotheken - aber die jammern gar nicht darüber.

Und wird lul.to mit seinen zahlreichen brandneuen Büchern wirklich so schlecht angenommen? Dafür sind die Herrschaften aber noch sehr gut sortiert und die Zahlungsmöglichkeiten hat man auch gerade erweitert. Aber auch der Kauf einer 10-Euro Payback-Karte hat sich beim zweiten Verlagstitel gelohnt.

Die Russlanddaten sind genauso dubios. Demnach wird in Russland nahezu gar nicht auf Readern gelesen und nur kurz nach Anschaffung werden die Reader bestückt. Wer von uns hat eigentlich nicht anfangs gemeinfreie Klassiker erstmal gesammelt - und dann doch mehr moderne Werke gelesen. Aber Sammeln ohne zu Lesen ist hoffentlich nicht der Normalfall. Da stimmt eher an der Studie etwas nicht.

Esther

Kommentar von Manuel Bonik:
Ja, Ausdrücke wie „free download“ u. a. in Verbindung mit (!) „Ebook“ bzw. „E-Book“ nehmen wir als Hinweis auf Piratenwünsche.

Ja, die Erkenntnis, dass Google und Kollegen bei Piraterieanfragen so gut wie keine Rolle spielen, ist eine, da nicht wenige Verlage (und ihre falschen Freunde) glauben, dass, wenn sie Einträge bei Google löschen lassen, das Piraterieproblem für sie erledigt ist. Dabei verstärken sie es damit eher.

Zum Thema Onleihe (und all den DRM-Fragen) gäbe es viel zu sagen; gut möglich, dass die auch komplett verschwinden. Letztlich müssen die Verlage selbst und jeder für sich entscheiden, wie sie sich dazu stellen. Auch die Bibliothekare selbst finden Onleihe nicht nur gut:

LibGen: Ja, das ist ein klassisches Bibliotheksprogramm - was denn sonst? Ja, natürlich spielen für größere Bibliotheken wissenschaftliche Bücher aus guten Gründen eine größere Rolle als Belletristik, und bei jenen ist das Piraterieproblem deutlich größer als bei dieser, weil die „must have“ und nicht „nice to have“ sind (s. unsere allererste Studie). Dennoch: Wer belletristische Bücher nicht sofort am Erscheinungstag lesen muss, wird bei Genesis bestens und umfangreich und eben umsonst bedient.

Nein, weder Wissenschaftsverlage noch sonstwer sind Geldgeber unserer Studie. Auch in unseren Firmen haben wir keinen Cent Fremdkapital.

lul: Wenn Sie da so kräftig Werbung machen, drängt sich der Verdacht auf, dass Sie daran mitverdienen?

Russland: Doch, Reader sind da sehr beliebt. - Wir zitieren jene Studie auch vor dem Hintergrund, dass es mit dem „Buchwesen“ in Russland extrem abwärts geht (in einigen Bereichen minus 20 Prozent/Jahr).

Kommentar von Esther:
Diese Seiten lernt man in der Regel kennen, wenn man nach einem gemeinfreien Buch sucht, das unter archive.org nur in miserabler Qualität bereitsteht. Zumindest bei mir schlug dann dauernd der Virenschutz-Wau-Wau an. An die brauchbaren Adressen kommt man dann z.B. über Ihre Gutenberg-Reporte oder über detailverliebte „Warnungen“ in Computerzeitschriften.

Unter dem Link findet sich leider nur Zeichensalat. Aber meinen Sie nicht eine brauchbare legale Onleihe könnte über kurz oder lang die Piratenseiten beseitigen? Das ist doch auch im Musikbereich weitgehend gelungen und im Buchbereich stehen immerhin staatliche Institutionen.

Was Libgen angeht: Die allermeisten wissenschaftlichen Fachbücher kaufen nahezu ausschließlich Bibliotheken. Die wwerden auf die Anschaffungen schwerlich verzichten, weil es eine passende Piratenseite gibt. Ältere und literarisch überwiegend anspruchsvolle Bücher gibt es ebenfalls in jeder Bibliothek einschließlich der Stadtbüchereien Es gäbe sie auch in der Onleihe, wenn die Verlage darauf verzichten den öffentlichen Bibliotheken einen Stein nach dem anderen in den Weg zu legen. Das Resultat der jetzigen Strategie sind jedenfalls nahezu unbrauchbare legale Onleihe-Angebote und gigantische bestens sortierte Piratenseiten. Was werden die Leser wohl eher nutzen?

Im Printbereic sieht es zwar besser aus - aber Bücherschleppen will wohl kaum ein Leser, der erst einmal auf den Reader umgestiegen ist.

Was die Leselauscher betrifft: Ich verdiene keineswegs daran mit und ich ich weiß auch nicht, ob die Gewinne bei diesen Preisen so gigantisch sind wie Spiegelbest manchmal meinte. Dass die Seite gut gemacht und sortiert ist ist schwerlich zu bestreiten. Eine brauchbare öffentliche Onleihe wäre mir auch lieber - die gibt es aber nicht.

Die Russlandgeschichte verstehe ich nicht ganz. Demnach würde ein russischer Durchschnitts-Readernutzer gerade mal neun Bücher im Jahr darauf lesen. Das wäre sehr wenig. Aus der Studie geht auch nicht hervor, welche Bücher die Leute eigentlich sammeln. Die Faszination des Mediums bringt viele Leute dazu erst einmal gemeinfreie Bücher zu horten. Zurückgehende Umsätze können völlig verschiedene Gründe haben - immerhin schwankt der allgemeine Lebensstandard in Russland stark und ein illiberales politisches Klima bis hin zur Zensur fördert den Buchmarkt mit Sicherheit auch nicht.

Esther

Kommentar von Volker Rieck:
Ja genau Esther.
Die Leute laden sich erst Charles Dickens und die Bibel auf den Reader.
Später dann neuere Werke, natürlich alles gekauft.
Den Traffic bei den Holstern machen Werke unter CC aus, oder Linux Distributionen.
Und bei The Piraten Bay schaut man auch nur nach Antiquariat.
Also, alles nicht so schlimm, oder?

Kommentar von Esther:
Hallo Volker,

dass die Piratenseiten florieren ist schwerlich zu übersehen.

Kontext war aber, dass sich russische User ganz am Anfang durchschnittlich 1200 Bücher auf den Reader laden, im Laufe des Jahres aber nur 9 Bücher darauf lesen. Letzteres kommt mir sehr wenig vor, ersteres passt ganz vorzüglich zu tatsächlich freien Werken.

Ganz nebenbei: Ich habe libgen auf der Suche nach Werken von Abraham Geiger - der im vorletzten Jahhundert lebte - gefunden und Wochen gebraucht, bevor ich festgestellt habe, dass sich auf einer Piratenseite bin. Das ist gerade Libgen - wo es keine Werbung zur Finanzierung gibt - nicht offensichtlich. Eine Piratenseite war für meine Begriffe eine Seite von Leuten, die durch Paywalls oder Werbung daran verdienen wollen. Das das falsch ist versteht sich nicht sofort von selbst.

Esther

Kommentar von Volker Rieck:
Was ist daran merkwürdig?
Die User laden sich 1.200 Bücher auf den Reader. Niemand weiss, ob das neue oder alte sind.
Ich persönlich bezweifle, dass es gemeinfreie Bücher sind.
Und mit den 9 danach. Aufmerksamkeitsökonomie.
1.200 Bücher wollen doch erst mal gelesen sein.

Es gibt noch viel mehr Währungen im Netz als Paywalls oder Banner.
Ich weiss nicht wie LibGen sich finanziert, aber es sind ja noch andere Möglichkeiten da.
Siehe letzte Computer Bild und Schadsoftware auf solchen Seiten.

Kommentar von Esther:
Hallo Volker,

ich habe keine Ahnung, wie Libgen sich finanziert. Schadsoftware kommt auf allen möglichen Seiten vor - auch auf seriösen. Dagegen muss man sich ohnehin schützen und das ist schwerlich eine Möglichkeit ein Riesenprojekt dieser Art zu finanzieren.

Ich wollte damit eigentlich auch etwas viel Banaleres sagen: So eine Seite erkennt man - mangels Werbung und Paywall - nicht auf den ersten Blick als Piratenseite. Ganz am Anfang suchen viele ja wirklich brav nach gemeinfreien Werken. Bis man dann merkt, dass Libgen nicht derart viele offensichtlich nicht gemeinfreie Bücher einfach verschenken kann ist der Speicher schon gut gefüllt. So ging’s zumindest mir und vermutlich nicht nur mir allein.

Wenn ich es richtig verstanden habe werden in Russland nur 9 im ersten Jahr gelesen, auch von den 1200 anfangs geladenen Büchern. Ersteres wäre sehr wenig - letzteres klingt wirklich eher nach Klassikern, in die man gerne mal reinschaut, ohne sie gründlich lesen zu wollen. Ich weiß auch nicht wie man das genau festgestellt hat. Das Leseverhalten derart zu überprüfen wäre schon hierzulande problematisch und gerade bei Werken, die nicht aus den großen Shops kommen kaum praktikabel. Im autoritären Russland dürfte das nicht einfacher sein.

Esther

Esther

Esther

Kommentar von Esther:
Aber selbstverständlich edoep, was denn sonst. Eine Diskussion um den persönlichen Umgang mit dem Urheberrecht will ich jetzt wirklich nicht entfachen.

Es ging auch nur um die Frage wie russische User - zumindest nach dieser Studie - zu so einer riesigen Anfangsmenge kommen und dann - nach der gleichen Studie - ausgesprochen wenig davon lesen.

Esther

Kommentar von Manuel Bonik:
Auf einzelnen LibGen-Mirrors gibt es inzwischen auch eine Paywall - wohl mal zum testen, ob sowas geht.
Werbung (für russische Uhren) habe ich unlängst auch zum ersten Mal entdeckt.
Es gibt da auch einen Spendenknopf, wo man dann aber oft nur den Hinweis findet: Vielen Dank, wir haben schon genug Kohle.
Und was haben die schon groß an Kosten? Vielleicht gerade mal die Serverkosten. Da dürften die mit ein, zwei Tausies im Jahr hinkommen.

Kommentar von Lars Sobiraj:
Ist ja sehr spannend. Ich bin mal gespannt, wie sich das weiter entwickelt…